Georgette Klein (1893-1963)

Georgette Klein im Atelier

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Georgette Klein ist eine zugleich faszinierende wie tragische Figur, typisch für die gesellschaftliche Situation intelligenter und künstlerisch begabter Frauen in der Schweiz des  20. Jahrhunderts.

Georgette Klein wurde 1893 als Tochter der aus Frankreich stammenden Violinistin Louise Châtelain und des Rodolfo Klein – Ingenieur im Direktorium bei Sulzer in Winterthur – geboren. 1897 folgt die Schwester Marcelle, mit der sie zeitlebens verbunden bleibt. Erstaunlicherweise und wohl als Ausdruck von Wohlstand zu interpretieren, lassen die Kleins ihre beiden Töchter an der Universität Zürich studieren. Georgette erwirbt ein Doktorat in Germanistik, Marcelle schreibt ihre Disseration in Geschichte.

Nicht geschult ist Georgette Klein hingegen in Selbstbewusstsein und öffentlichem Auftritt. Wie sollte sie auch als Fräulein in den 1910er-Jahren! Zu Rebellion hatte sie offenbar (noch)  nicht die Kraft und als sie dann kommt, bringt sie ihr letztlich Einsamkeit. Die Jugendzeit von Georgette Klein ist wenig dokumentiert; es gibt nur die Erinnerung der 70Jährigen in einem ihrer 100 (!) Tagebücher, wonach sie schon als junges Mädchen grosse Mühe gehabt habe auf andere Menschen zuzugehen, in Gesprächen einsilbig und unbeholfen gewesen sei.1  Das mag übertrieben sein, tritt sie doch in Winterthur als Autorin kulturpolitischer Texte, als Textilkünstlerin, die um die Wechselwirkung von Ornamentik und Moderne weiss, sowie als Gast-Violinistin im Sinfonieorchester in Erscheinung. Auch wird sie in dieser Zeit aktives Mitglied des Schweizerischen Werkbundes SWB  und hat regen Kontakt mit der fortschrittlichen Winterthurer Architekturszene. Zu erwähnen sind auch ihre intensiven Kontakte zum Schweizerischen Marionettentheater und die Leitung der Abteilung Puppenspiel an der SAFFA in Bern 1928.

In ihrer persönlichen Lebens-Vision dominieren jedoch die Differenzen mit der bürgerlich-konservativen Lebensauffassung ihrer Eltern. Sie will ausbrechen, um sich selbst zu finden. Ende 1928 zieht Georgette Klein in den 1927 von den Eltern erworbenen "Palazzo Triulzi" in Barbengo ob Lugano und etabliert sich daselbst als Kunsthandwerkerin ("Atelier Geo") als Puppenspielerin, als Bildhauerin.

Ihr Leben nimmt eine entscheidende Wende. Seit langem hatte sie ihre Intellektualität hinterfragt, zum Teil verdammt, und findet nun im 10 Jahre älteren Tessiner Elektriker und Bauern Luigi Tentori ihre sinnliche, erdige Verbundenheit mit dem Leben. Durch die Heirat im Jahr 1931 kommt es zum Bruch mit den inzwischen auch in Barbengo residierenden Eltern.

Auf Wunsch und nach Plänen seiner Frau baut Luigi Tentori 1932 auf einer ihm durch Erbschaft gehörenden Anhöhe südlich des Glockenturms die Casa Sciaredo. Es ist bis heute verblüffend, mit welcher Klarheit sie die Pläne dafür zeichnete und wie akkurat der nie zuvor mit modernem Bauen in Kontakt gekommene Tentori ihre Ideen umsetzt. Klein hatte in Zürich durch den SWB Kontakte mit zeitgenös-sischen Architekten und es ist bekannt, dass sie 1927 die Werkbundausstellung in der Weissenhof-Siedlung in Stuttgart besuchte und da mit den Ideen Le Corbusiers und den Bauhaus-Meistern in Kontakt kam. 

Wenn Georgette Klein am Ende ihres Lebens immer mehr daran zweifelt, dass ihr Leben in die Zukunft wirken würde, so kann man aus heutiger Sicht klar  festhalten, dass sie mit der eigenständig entworfenen und umgesetzten Casa Sciaredo ein Opus Magnum geschaffen hat, das Menschen weit über die Architekturszene hinaus bis heute begeistert.  Nicht zuletzt weil die asketische Form der Architektur in direkten Dialog mit der üppigen Natur gesetzt ist, sowohl im Blick aus den Fenstern wie in der Platzierung des Hauses als Leuchtkörper zuoberst auf dem Hügel und gleichzeitig geborgen in der Kraft des mit Eichen bestückten Waldkranzes. 

Es mag sein, dass diese Gleichzeitigkeit von geometrischer Strenge und natürlichem Wachstum das weibliche Element in der Konzeption ist. Mit enthalten ist auch die Violinistin, die Geige spielend Mathematik und Klang zu Musik verbindet. Und last but not least ist in der Casa Sciaredo auch die Welthaltung Georgette Kleins zwischen Aufbruch-Vision und Spiritualität im Sinne des frühen 20. Jahrhunderts enthalten.

Georgette Klein ist sich indes auch der Abgeschiedenheit des Ortes bewusst. Entsprechend bedeutsam sind ihr die schon seit 1916 geführten Tagebücher, die nun zu Orten der Reflektion über Gott und die Welt werden. «Du sollst dir nicht in deiner Form gefallen, sondern in deinem Fluss», schreibt sie anfangs der 1930er-Jahre.

Luigi Tentori richtet  für sich das nahestehende «Grotto» ein während Georgette Klein versucht die Casa als kleines Kulturzentrum zu beleben. Sie lädt die Dorfkinder zum musizieren ein, spielt mit ihnen Theater, fertigt Marionetten an, zeichnet, schafft Holzskulpturen – sie liebte den Widerstand des Materials – sie liest viel, schreibt täglich und pflegt Kontakte mit einem kleinen Freundeskreis. Eine wichtige Rolle spielt auch der Garten, dessen Erträge zum Lebensunterhalt beitragen.

So idyllisch das klingen mag, es beinhaltet auch sehr viel Einsamkeit, im positiven wie im negativen. «Hier in Sciaredo, im Eichenhain, gehöre ich mir», schreibt sie in einem ihrer Tagebücher 1. «Dieses Haus, das ich zusammen mit Luigi gebaut habe, ist wie ein Kleid, das mir passt. Haus und Land gehen ohne Zaun direkt in die Landschaft über.» Aber auch: «Ich bin und bleibe ein Mensch, dem es nicht gelungen ist, in der Gesellschaft Fuss zu fassen. Nicht in der bürgerlichen meiner Herkunft, nicht der des kleinen Tessiner Dorfes, in dem ich heute lebe, nicht in einem Kreis von Künstlern, was ich mir immer gewünscht hätte.»

Nichtsdestotrotz gelingt es ihr in ihren letzten Lebensjahren ein bildhauerisches Alterswerk zu entwickeln, das bemerkenswert ist. Zwar sind die geschnitzten Holzskulpturen der Jahre um 1960 bis 1963 kunsthistorisch verspätet, markieren aber ein inneres und äusseres Fortschreiten ihres persönlichen Lebensweges. Das Figurative reduziert sich in diesen Arbeiten auf Fragmente, auf naturhafte Zeichen von Wachstum und Verbundenheit mit einem Weltganzen. Erst spät war die vielseitig belesene Künstlerin intensiver in die Schriften C.G. Jungs und auch fernöstliche Denkweisen eingestiegen und vermochte Ansätze daraus gefühlsmässig in Skulptur umzusetzen.

1963 stirbt Georgette Klein im Haus in Barbengo. Luigi Tentori war ihr bereits 1955 nach langen, schwierigen Krankheitsjahren vorausgegangen. Die GEO ein Leben lang wie ein Schatten begleitende Mutter, Louise Klein-Chatelain, überlebt ihre Tochter um zwei Jahre. Dennoch geht der Nachlass an GEOs Schwester Marcelle. Die während langen Jahren als Lehrerin an der Strafanstalt in Regensdorf tätig Gewesene, verbrachte oft ihre Ferien in Barbengo und will das Haus im Sinne ihrer Schwester erhalten. Doch ist sie bald schon von der Aufgabe überfordert. Das Haus fällt mehr und mehr in einen Dornröschenschlaf. Wertvolles Kunstgut (insbesondere Textiles) zerfällt. Erst als ein Künstlerteam rund um Thomas Rutherfoord und Theres Wey aus Winterthur das Haus ab 1984 wiederbeleben un der junge Tessiner Architekt Lukas Meyer die architektonische Bedeutung des Hauses entdeckt, beginnt die "Renaissance" der Casa Sciaredo. 1986 stirbt Marcelle Klein; der Nachlass geht an den Kanton Zürich. 1996 kommt es zur Gründung der Stiftung Casa Sciaredo. 2000 wird das Haus mit minimalen Mitteln renoviert und dient seither als Atelier-Haus für Kulturschaffende.

Seit 2010 wird Leben und Werk von Georgette Klein aufgrund von Dokumenten im papierenen Nachlass aber auch weiteren Recherchen Schritt für Schritt aufgearbeitet. 2011 wird ein Website aufgeschaltet, welche nebst allgemeinen Informationen die bisher geschriebenen Texte zu GEO ausführlich oder als PdF-Dokumente zugänglich macht. Autoren und Autorinnen sind neben der diesen Text Unterzeichnenden, unter anderem der Architekt Werner Christen, die Theatergeschichts-Publizistin Hana Ribi, die Künstlerin und Gartenfachfrau Brigitte Stadler. Ferner werden in einem gesonderten Gäste-Kapitel in der Casa Sciaredo realisierte Künstler- und Künstlerinnenprojekte vorgestellt.

2013 schliesst die Stiftung Sciaredo einen Vertrag mit der "Assoziazione Archivi Riuniti delle Donne Ticino" und übergibt ihr den gesamten Nachlass auf Papier von Georgette Klein.

Annelise Zwez, Kunstkritikerin

1 Zitiert nach einem Text von Gisa Lang für das von den Archivi Riuniti delle Donne Ticino geplante Buchprojekt zu Leben und Werk von Georgette Klein.